Die Idee für ein Event, das nicht stattfand
Im Sommer 2010 wurde die Firma Aktionslernen 10 Jahre alt. Was sollte zur Feier des Jahrestags passieren? Was für ein event würde passen?
Seit Sommer 2009 gab es die Aktion "Any Day Now", bei der Aktionslernen zusammen mit Terre des Femmes die Bürgerrechtler im Iran unsterstützte.
Ein Konzert, "concert for Neda", zusammen mit dem Jubiläum, auf dem auch eine Firmenhochzeit, nämlich die langfristige Partnerschaft mit einem großen, bekannten Kunden verkündet wird - darum ging es.
Die Feier hat nie stattgefunden. Es folgte kein großes Jubiläum, sondern eine Insolvenz. Und eine Idee, aus der nichts wird, behält man eher für sich. Aber weil seitdem so oft die gleichen Frage gestellt wurden "was hatten Sie eigentlich vor?", "was hatten Sie auf St. Pauli zu suchen?" "was hatten John Lee Hooker, Joan Baez, Carlos Santana oder Bob Marley mit Ihrem Geschäft, mit der Aktion zu tun?" - hier die Geschichte.
"Any Day Now." - die Aktion im Sommer 2009
Frauen und Frauenrechte hatten seit Anfang 2009 eine immer größere Rolle gespielt für die Firma. Seit Gründung war der Anteil von Frauen, besonders der Anteil von alleinerziehenden Frauen bei uns immer viel größer als beim Wettbewerb. Die freie Zeiteinteilung, die Möglichkeit zu Hause zu lernen oder auf dem job: was den Erfolg ausgemacht hatte, war für diese Kundinnen besonders wichtig. So kam die Idee, besonders benachteiligten Frauen, die außerdem keine Fördermittel erhalten ein Stipendium zu geben, also den Fernlehrgang gratis. Bei der Frage, wer über die Vergabe entscheiden soll, kam Terre des Femes dazu.
Die Hamburger "Statthalterin" von Terre des Femmes war als ehemalige Lehrerin für Pflege vom Fach. Neben dem Thema Stipendium kamen wir über Freiheit, Frauenrechte, Menschenrechte ins Gespräch. Zunächst ging es um Morsal Obeidi, die in Hamburg von ihrer Familie hingerichtet worden war, weil sie das, was die Familie für Ehre hält, verletzt haben soll.
Morsal wollte frei von diesen archaischen Vorstellungen sein und hatte dafür mit dem Leben bezahlt.
"gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei" ist das Motto von Terre des Femmes.
Freiheit, selbstbestimmtes Lernen war das Motto von Aktionslernen mit dem bei Bob Marley entlehnten Slogan "get up now."
Das waren die Berührungspunkte für anregende Gespräche.
Im Sommer 2009 beschäftigte uns dann die unerwartete Rebellion der Menschen im Iran. Neda wurde auf offener Straße erschossen. Ein Video, das jemand mit dem Handy aufgenommen hatte, zeigt es der ganzen Welt.
Musik zum Mut machen - ein Konzert für Neda
Weil digitale Videos auch unser Medium in den Lernprogrammen waren, hatte ich eine Idee und rief die Zentrale von Terre des Femmes an. So begann die Akton AnyDayNow.
AnyDayNow wollte die Bürgerrechtler, besonders die BürgerrechtlerINNEN im Iran unterstützen, dafür Musik machen, Webvideos produzieren, Geld sammeln und - vor allem anderen - Mut machen.
Das Aktionsprofil “Any Day Now.” zeigt den Stand im Juli 2009.
Ein Beitrag kam von der Band “Querfeldein”, in der mein Sohn Schlagzeug spielt. (ab 1:30)
Der Name "Any Day Now." stammt aus "I shall be released" von Bob Dylan. Die Version von Joan Baez fand ich bei einer Aktion, bei der Frauen die Helden sind passender. Und außerdem ist Bob zwar das Genie, aber Joan's Stimme ist schöner, viel schöner als die von Bob.
"I see my light come shining. From the West unto the East. Any day now, any day now I shall be released."
"Ich sehe mein Licht leuchten. Vom Westen bis zum Osten. Jeden Tag jetzt, jeden Tag jetzt werde ich freigelassen."
Es entstand eine Webseite, ein Blog, ein Kanal bei YouTube und wir sammelten.
Und es gab die Idee, Konzerte zu machen, prominente Musiker als Unterstützer zu gewinnen.
Santana im Stadtpark, Joan Baez im Web.
Kurz nach Beginn der Aktion Anfang Juli 2009 kam Carlos Santana für ein
Konzert nach
Hamburg. Wir fragten beim Veranstalter, der klang interessiert und bis kurz vor dem Auftritt im Stadtpark am 23.7.2009 war auch noch Hoffnung, dass er einen kurzen Clip für Any Day Now produziert. Carlos spielte ein Solo mit magischen, einfachen Bildern: geschundene, geschlagene Menschen, ein Tropfen, der Kreise zieht, ein Engel, eine Fontäne aus klarem Wasser - ich weiss bis
heute nicht wie das Stück heisst - es hätte zu Any Day Now. gepasst wie der Schlüssel zu einem Schloß.
Auch eine Mail an das Management von Joan Baez blieb unbeantwortet. Jedenfalls auf den ersten Blick. Der zweite Blick zeigte, dass Joan schon selbst auf die Idee gekommen war. "We shall overcome" mit Zeilen auf Farsi "for the people in Iran".
Glut oder Strohfeuer?
Nach dem Santana Konzert war ich enttäuscht, dass es mit dem großen Auftritt nicht geklappt hatte, sprach mit Frau Grobe von Terre des Femmes über meinen Frust. "Ach wissen Sie, ich finde das gar nicht schlimm. Wenn so etwas klappt, erreicht man schlagartig viel Aufsehen, wie bei einem großen Feuer. Nur leider ist es auch ein Strohfeuer. Das Aufsehen geht auch schnell wieder vorbei. Viel wichtiger ist, dass eine Glut an bleibt, Menschen, die das unterstützen. Das hält viel länger. Auch die Aufmerksamkeit für die Neda wird nachlassen. Und dann muss man weitermachen."
Sommer 2010 - ein Event mit einem Ständchen?
Im Frühjahr 2010 rückte das 10-jährige Jubiläum von Aktionslernen in Sichtweite. Und es gab eine großen, sehr bekannten neuen Partner, mit dem wir dauerhaft zusammenarbeiten wollten, u.a. um gemeinsam akademische Angbeote (Bachelor und Master) zu machen. Zum 10-jährigen kam also eine zweite Botschaft dazu.
Und es gab da noch ein paar andere Jubiläen:
- Der FC St. Pauli war 100 geworden und in die Bundesliga aufgestiegen.
- Im Juni 2010 war die Fußballweltmeisterschaft mit public viewings und vielen Festen., ganz besonders in Hamburg auf St. Pauli.
- Neda Agha Soltan war am 20. Juni 2009 in Teheran erschossen worden, am 20.6.2010 war also ihr erster Todestag.
Die Idee war also so:
aus Anlass des 10. Geburtstages gibt Aktionslernen die zukunftsweisende neue Partnerschaft bekannt, veranstaltet ein Event, dessen Einnahmen der Aktion “Any Day Now.” , also der Bürgerrechtsbewegung im Iran zur Verfügung zufließen. Bei der Veranstaltung wird ein Ständchen gesungen für Neda. Und zwar im Chor mit St. Pauli - Anhängern.
Das Ständchen sollte “You’ll never walk alone” sein. Das müssen St. Pauli Fans nicht üben, das können sie. Genau wie die Fans von Celtic Glasgow oder die vom FC Liverpool. Und der Text passt gut, um jemandem Mut zu machen:
You'll never walk alone / Du gehst nie mehr allein
“Wenn du durch einen Sturm gehst
Geh erhobenen Hauptes
Und habe keine Angst vor der Dunkelheit
Am Ende des Sturms
Gibt es einen goldenen Himmel
Und das süße, silberhelle Lied einer Lerche
Geh weiter, durch den Wind
Geh weiter, durch den Regen
Auch wenn sich alle Deine Träume in Luft auflösen
Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herz
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen ....”
Ein Ständchen, um Neda und den anderen, die für ihre bürgerliche Freiheit kämpfen und leiden Mut zu machen und damit sie sehen, dass sie nicht allein sind.
Einige Pauli-Fans dachten sofort weiter:
"Gerry müssen wir dafür kriegen" ( Gerry Marsden.)
"Auf einer Bühne im Millerntorstadion ("oder davor, beim Public Viewing in der Halbzeit, da läuft doch sowieso die Veranstaltung, die kapern wir einfach") geht das Licht aus."
"Und Liverpool und Glasgow werden auf Screens dazu geschaltet."
"Dann kommt Gerry rein, widmet die Nummer Neda, fängt an und dann wir alle“
Gerry und dann alle - das kann so aussehen:
3 volle Stadien mit Fans aus Glasgow, Liverpool, St. Pauli singen mit.
Für Neda.
One world.
Fürchte dich nicht vor der Dunkelheit.
Be free.
So weit war die Idee Ende Mai.
Und die Celtic Fans, die wegen der 100er Feier zu Besuch waren hatten sie verstanden, ganz genau.
Es kam anders. Keine große Nummer, kein großes Event, bei Aktionslernen spielten sich inzwischen ganz andere Dinge ab als die Vorbereitungen für ein Jubiläum.
Und ich hatte ganz andere Sorgen.
Aber einfach abblasen nach wochenlanger Vorbereitung wollte ich es nicht.
So wurde ein kleine Show draus, vor dem Shamrock, mit meinem Freund Mike Gillen, seinem Sohn Martin und Marvin.:
I shall be released (Neda Version):
You'll never walk alone (for Neda)
Es waren höchstens 20 Gäste da. Aber es waren Iraner gekommen, die ich vorher gar nicht kannte. Ein Herr Mokhtary, der interessanterweise einen Weinhandel betreibt sagte hinterher: "Danke, dass Sie sich für die Freiheit in unserem Land eingesetzt haben."
Bitte. Es war mir eine Freude.
Außer Herrn Mokhtary waren auch die Vertreter von "STIM" da. STIM ist die Organsiation der Mütter, die nicht wissen wo ihre Kinder geblieben sind. Sie wollen jeden Samstag weiter demonstrieren, bis sie wissen, was aus ihren Kindern geworden ist.
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